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Hintergrundbericht zur Pervasive Computing Konferenz

Technologieschub Pervasive Computing: Dialog über Chancen und Risiken in Rüschlikon

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Rüschlikon, 29. September 2005 — Die Auswirkungen der allumfassenden, sich selbst organisierenden Vernetzung von intelligenten Objekten und IT-Systemen sind grundlegend: Das so genannte Pervasive Computing berührt sämtliche Grundlagen des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenlebens. Auf der Tagung "The Future of Business and Society in an intelligent World" diskutierten am 29. September in Zürich namhafte Wissenschaftler und Manager im "Swiss Re Centre for Global Dialogue" Szenarien und Handlungsoptionen. Die Tagung stützte sich auf Ergebnisse einer Expertenzusammenarbeit zwischen Swiss Re, IBM Research und dem "Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung Schweiz" (TA-Swiss).

Warum bestimmt der Hubraum des Motors die Höhe der Autoversicherung - und nicht das individuelle Fahrverhalten oder die aktuelle Wetter- oder Verkehrslage? Warum werden die Preise in einem Supermarkt nicht ähnlich ermittelt wie an einer Finanzbörse? Warum kann ein Verkehrsbetrieb nicht gestaffelte Rabatte anbieten, je nachdem wie oft der Bus oder die Bahn benutzt wird? Die IT-Systeme haben diese Flexibilität bisher noch nicht erlaubt.

Pervasive Computing hat das Potenzial, dies zu ändern. Gemeint ist eine neue Art der Vernetzung verschiedener Prozesse und der daran beteiligten Objekte durch die Integration von Prozessoren aller Art – egal ob in Mobiltelefonen, Autos oder PCs – zu neuartigen, autonom organisierten und interagierenden Hypersystemen. So liessen sich etwa die Fahrzeugsensoren mit einem "Riskmanagement-System" der Versicherung verbinden, um mit dem Kunden einen flexiblen Tarif nach dem Motto "Pay-per-Risk" abzuschliessen. Bei Eis und Schnee zu fahren könnte dann teurer sein als bei Sonnenschein.

Die technologischen Voraussetzungen für solche Szenarien sind heute vorstellbar – dank Miniaturisierung, günstigen Sensoren, mobilen Endgeräten und flächendeckenden Netzwerken. Spezialisten von Swiss Re, IBM Research und TA-Swiss haben vier übergreifende Trends und Herausforderungen identifiziert, die mit dieser Technologie einhergehen:

  • Die unsichtbare Vernetzung
    In der voll integrierten Welt des "Pervasive Computing" wird das Verbindungsnetz unsichtbar und die Rechenleistung (Computing-Power) ist über das Hypersystem verteilt. Von den heutigen Recheneinheiten wie PCs oder Servern wandert die Computing-Power mittels "Embedded Processors", Sensoren oder intelligenten Etiketten in Alltagsgegenstände, Haushaltgeräte oder Kleidungsstücke. Die Konsequenz: der Mensch selbst zusammen mit seiner unmittelbaren Umgebung wird Teil dieser Infrastruktur.
  • Unvorhersagbarkeit und Kontrolle
    Die sprunghaft ansteigende Komplexität der Vernetzung und exponentiell zunehmende Zahl der möglichen Zustände eines dynamisch expandierenden Hypersystems erzeugen ein hohes Mass an Unsicherheit. Wie werden diese Systeme reagieren? Wir müssen lernen, diese Unsicherheit zu managen.
  • Feedback und Optimierung
    Umfassende Information wird zunehmend sofort verfügbar gemacht und auf Abruf überall verfügbar sein. Der schnelle Vergleich mit umfangreichen Datenbanken macht Ad-hoc-Evaluation und bis ins Extreme gesteigerte Ressourcenoptimierung möglich. Das ist nur um den Preis erhöhter Instabilität möglich - hier ist eine kluge Balance gefragt.
  • Massive Datencluster und die Notwendigkeit des Ordnens
    Die umfassende Vernetzung und Interaktion wird eine nie gekannte Menge an Information und Daten erzeugen, die es erlauben, eine Vielzahl von Profilen zu erstellen und Berge von Wissen über Objekte und auch Menschen zu generieren. Zwei Fragen dängen sich auf: Kann man diese Datenmengen überschaubar und sinnvoll ordnen? Wie können (virtuelle) Räume oder physische Zonen geschaffen werden, in denen sich das Individuum für eine gewisse Zeit vom System abkoppeln kann?

An der Veranstaltung in Rüschlikon wiesen die Experten darauf hin, dass diese Trends gleichermassen Chancen und Risiken bergen. Unternehmen können ganz neue Produkte entwickeln oder ihre internen Prozesse optimieren. Für Anwender und Kunden entsteht eine Servicewelt, die an Bequemlichkeit und Unterstützung keine Wünsche offen lässt.

Andererseits können die mit sich selbst interagierenden IT-Systeme eine Eigenständigkeit entwickeln, die kein System-Administrator mehr steuern kann. Das allumfassende IT-Nervensystem wirft grundlegende Fragen nach unserer Lebensweise und unseren Grundüberzeugungen auf. Der heutige Datenschutz etwa basiert auf dem Konzept der "Informationellen Selbstbestimmung" – jeder soll prinzipiell wissen, was mit seinen Daten geschieht. Das deutsche Verfassungsgericht hat dies in den 80er Jahren als Grundrecht definiert. Auch in der umfassend vernetzten, virtuellen Welt soll es eine geschützte Privatsphäre geben.

Was aber, wenn im Fall des Pervasive Computing die Systeme untereinander agieren, so dass ein Kosmos verschiedenster Systeme entsteht, die niemand vollständig überblickt und die sich selbst steuern, ohne dass wir effektiv eingreifen können? Sollen Daten an die Polizei weitergegeben werden, wenn ein Fahrzeug mit der Versicherung vernetzt ist, und der Fahrer zu schnell fährt? Welche Rolle könnten solche Systeme bei der Bekämpfung der verschiedenen natürlichen Gewalten oder vom Menschen ausgehenden Gefahren spielen?

"Auf solche Fragen kann es keine einfachen Antworten geben – deshalb müssen wir den Dialog mit allen involvierten Gruppen jetzt dringend führen", sagt Dr. Krishna Nathan, Vice President Services der IBM Forschung und Direktor des IBM Forschungszentrums in Rüschlikon. "Vielleicht wird es spezielle Rückzugsmöglichkeiten geben, in denen das Netzwerk keinen Zugriff hat – etwa Räumlichkeiten, die abgeschirmt sind oder Einstellungsmöglichkeiten an den Geräten, dass sie situativ nicht mit der Aussenwelt kommunizieren."

"Pervasive Computing ist nicht nur eine wirtschaftliche und technische Herausforderung, sondern auch eine ethische", unterstreicht Sergio Belluci, Direktor der TA-Swiss.

Andreas Schraft, Leiter Risikoeinschätzung der Swiss Re: "Dem Versicherer und seinen Kunden ermöglicht dieser Technolgieschub a priori eine präzisere Einschätzung der Risiken. Aus Versicherungssicht interessiert die Frage, wie Versicherungsdeckungen in Zukunft ausgestaltet werden können, um dieser Entwicklung adäquat Rechnung zu tragen".

Zu den Veranstaltern

IBM Forschungszentrum Zürich

Das IBM Forschungszentrum in Rüschlikon bei Zürich ist der europäische Zweig der IBM Forschung, die mit weltweit rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an acht Standorten die grösste industrielle Forschungsorganisation darstellt. Das Zürcher Forschungszentrum hat derzeit 330 Mitarbeitende und vereint mehr als 30 Nationalitäten. In den nunmehr fast 50 Jahren seines Bestehens hat das Zentrum durch herausragende technische Innovationen und wissenschaftliche Leistungen, darunter zwei Nobelpreise, den Ruf einer weltweit führenden Forschungsinstitution erworben. Das Spektrum der Forschungsaktivitäten reicht von der technischen Grundlagenforschung über die Entwicklung von Computersystemen und Software bis hin zum Entwurf neuartiger Geschäftsmodelle und Dienstleistungen auf der Basis von "On Demand".

Swiss Re

Swiss Re ist einer der weltweit führenden Rückversicherer und der grösste Lebens- und Krankenrückversicherer. Das Unternehmen ist mit mehr als 70 Gruppengesellschaften und Vertretungen in über 30 Ländern präsent. Seit seiner Gründung 1863 in Zürich ist der Konzern in der Rückversicherung tätig. Swiss Re bietet eine breite Produktpalette für das Kapital- und Risikomanagement an. Traditionelle Rückversicherungsprodukte wie verschiedene Sach- und HUK-Deckungen, Lebens- und Krankenversicherungen sowie damit verbundene Dienstleistungen werden durch versicherungsbasierte Corporate-Finance-Lösungen sowie Lösungen für ein umfassendes Risikomanagement ergänzt. Swiss Re wird von Standard & Poor's mit "AA", von Moody's "Aa2" und von A.M. Best mit "A+" bewertet.

Zentrum für Technologiefolgenabschätzung TA-Swiss

In einer Zeit, in der sich die Entwicklungen in der Informationstechnik, in der Medizin und in allen anderen Technologiefeldern so rasch ablösen wie nie zuvor, stellt TA-Swiss umfassende Informationen über mögliche Chancen und Risiken neuer technischer Errungenschaften bereit. Ein Merkmal der TA-Swiss Aktivitäten ist ihre interdisziplinäre Basis. Sie gestattet es, die absehbaren Folgen einer neuen Technologie von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten: Fragen nach den Auswirkungen einer Technologie auf die Umwelt, die Wirtschaft, die Politik, die menschliche Gesundheit usw. werden ebenso aufgegriffen wie solche nach den ethischen Implikationen des technischen Wandels. TA-Swiss richtet seine Anstrengungen gezielt auf Technologiefelder und -anwendungen, die in der Öffentlichkeit umstritten sind und behandelt insbesondere die drei thematischen Schwerpunkte "Biotechnologie und Medizin", "Informationsgesellschaft" und "mobile Gesellschaft".

Press contact

Nicole Strachowski
Media Relations
IBM Research - Zurich
Tel +41 44 724 84 45

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